call for papers | AnSichten | 13. Kunstpädagogisches Kolloquium

AnSichten: Forschungsperspektiven auf Kunst und Bild(ung) | Freitag 26. – Sonntag 28. August 2016 | DOWNLOAD: Call for Papers_Loccum 2016

Mit dem Titel AnSichten: Forschungsperspektiven auf Kunst und Bildung legt Loccum 2016 einen Schwerpunkt auf das Forschen mit und an visuellem (Daten)Material. Der Titel verweist zugleich auf den multiperspektiven Umgang mit Bildern jeglicher medialer Repräsentation. Zu Sichten ist visuelles Forschungsmaterial aus Datenerhebungen, bspw. Fotos oder Videos aus kunstpädagogischen Vermittlungssituationen, künstlerisch-gestalterische Produkte und Lernerartefakte ebenso wie Modelle und Grafiken. Dabei stellen sich Fragen wie: Welche Rolle spielen Bilder im Rahmen meiner Forschungsarbeit? Wie analysiere, interpretiere und präsentiere ich visuelles Datenmaterial? Wie kommuniziere ich visuelle Inhalte bzw. wie visualisiere ich Erkenntnisse? Wie werden diese Entscheidungen transparent gemacht?

Der Fokus auf eine Forschung mit, an und durch Bilder stellt die Rolle des Visuellen in wissenschaftlich-kunstpädagogischen Prozessen in den Vordergrund. Der Kunstunterricht als „Fach des Bildes“ (Niehoff & Wenrich, 2007: 22) dient dem reflektierten, selbstbestimmten Umgang in Form von Produktion, Rezeption als auch Reflexion von Bildern als elementare „Basisqualifikationen neben Lesen, Schreiben und Rechnen“ (Peez, 2007). Bildkompetenz und Visual Literacy prägen seit Jahren den fachdidaktischen Diskurs. Visuelles Forschen als auch das Visualisieren von Ergebnissen in verschiedenen Disziplinen hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Zugleich ist in wissenschaftlich-kunstpädagogischen Veröffentlichungen eher ein „Bildverzicht“ (Maar, 2014: 12) zu beobachten.

Bilder & Wissen

Der erweiterte Bildbegriff umfasst „Heterogenes wie Phantasmagorien oder Metaphern, Skulpturen und Ikonen, Diagramme, Installationen oder Bewegtbilder, aber auch reine Farbfelder, automatisch produzierte Graphen und chromatische Serien von Pixeln, die alles, was auf einem Bildschirm erscheinen kann, tendenziell zu einem ‚ikonischen Effekt’ werden lassen“ (Mersch, 2011: 1). Neben die materiellen Bilder treten sogenannte „Figures of thought“ (Dirmoser, 2005), die Vorbewusstes visualisieren und Bilder mental in Erscheinung treten lassen. Diese Transmedialität und Komplexität des Bildes findet sich im schulisch curricularen Kontext jedoch häufig nicht (vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, 2014: 11). Das Bild im engeren Sinne wird im Kunstunterricht oft auf ein vom Urheber in Form von „Objekte[n], Prozesse[n] und Situationen“ gestaltetes visuelles Phänomen (Niehoff, 2009: 14) beschränkt.
In Anlehnung an Kants Kritik der reinen Vernunft beschreiben Heßler und Mersch (2009) einen Paradigmenwechsel zu einer „Kritik der ikonischen Vernunft”. Bilder sind hierbei nicht bloß Visualisierungen oder Repräsentationen von bereits existierendem Wissen, sondern selbst wissens-konstitutiv. Demnach generieren Bilder neue Erkenntnisse bzw. bildspezifische Formen von Wissen. Phänomene werden durch die aktive Einbeziehung von Bildern und bildbasierten Prozessen in der Forschung „holistisch“ begreifbar (Weber: 2008). Das Bild wird somit als eigenständiges erkenntnistheoretisches Medium in verschiedenen Disziplinen zunehmend erkannt und diskutiert. Im kunstpädagogischen Kontext stellt Pazzini die “wachsende Bedeutung von Bildern […] in der Wissenschaft” heraus, die eine “bildende, erziehende, sozialisierende und forschende” (2014: 14) Funktion erfüllen.
Aufgrund ihrer spezifischen Qualitäten, besitzt jede visuelle Darstellungsform (wie Foto, Zeichnung oder Film) erkenntnistheoretisch konstitutive Parameter und ermöglicht damit einen eigenen Zugang zu bestehendem und neuem Wissen. Im Forschungsprozess sind diese besonderen Eigenschaften zu beachten, wenn visuelles (Daten)Material erhoben bzw. generiert wird, als auch bei der Übersetzung der gewonnen Erkenntnisse in andere Darstellungsweisen wie z.B. Diagramme, Skizzen oder Texte. Besonders spannungsreich erscheint in diesem Kontext das Verhältnis zwischen Bild und Text, weil wissenschaftliche Ergebnisse primär sprachlich präsentiert werden, aber auch aufgrund erkenntnistheoretischer Differenzen von Wort und Bild.

Formelles

Das kunstpädagogische Forschungskolloquium Loccum 2016 möchte zum Teilen, Diskutieren, Reflektieren und Erweitern von AnSichten auf die eigene Forschung und speziell den Umgang mit visuellem Material anregen. Eine explizite Bezugnahme auf die im Call aufgeworfenen Fragen hinsichtlich der eigenen Forschungsarbeit ist wünschenswert, kann aber auch implizit im Rahmen anderer Forschungsschwerpunkte diskutiert werden und ist keine Voraussetzung zur Teilnahme. Als diskussionsbasiertes Kolloquium sind verschiedene Präsentationsformate, auch künstlerisch-performative Positionen, willkommen. Loccum 2016 bietet den Teilnehmer_innen explizit die Möglichkeit, Fragmentarisches und Nicht-Ausformuliertes zur Disposition zu stellen.

Das kunstpädagogisch-wissenschaftliche Kolloquium richtet sich vornehmlich an den kunstpädagogischen Nachwuchs (Lehrkräfte, Promovierende und Post-Docs). Ausdrücklich willkommen sind auch Promovierende in der frühen Forschungsphase, um beispielsweise ihre Forschungsfragen oder einen möglichen Umgang mit visuellem Material gemeinsam in der Gruppe zu diskutieren.

Abstract: Wir freuen uns über Beiträge im Umfang von max. ca. 3000 Zeichen inkl. Leerzeichen und einem für die eigene Forschung relevanten Bild. Zusendung bis zum 1. Juni 2016 per E-Mail an loccum@gmx.net

Datum & Zeit: Das Kolloquium beginnt am Freitag, den 26. August um 14:30 Uhr und endet am Sonntag, den 28. August 2016 gegen 15 Uhr in der Ev. Akademie Loccum.

Kosten pro Person: Die Tagungsgebühr für Übernachtung und Verpflegung beträgt 155€ und maximal 135€ für BDK-Mitglieder. (Es besteht die Möglichkeit vor Ort dem BDK e.V. beizutreten.)

Weitere Informationen: https://forschungskolloquiumloccum.wordpress.com/

Loccum 2016 Leitung: Nico Roenpagel, Miriam Vierhaus und Christina Inthoff

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Literaturhinweise:

Dirmoser, Gerhard (2005). Abrufbar unter: http://gerhard_dirmoser.public1.linz.at/A0/Diagrammbild_3_0_D.pdf [19.04.2016]

Heßler, Martina; Mersch, Dieter (Hrsg.) (2009): Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. Bielefeld. Transcript.

Marr, Stefanie (2014): Kunstpädagogik in der Praxis. Wie ist eine wirksame Kunstvermittlung möglich? Eine Einladung zum Gespräch. Bielefeld. Transcript.

Mersch, Dieter (2011): Materialität und Bildlichkeit. Abrufbar unter: http://www.dieter-mersch.de/Texte/PDF-s/ [19.04.2016]

Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.)(2014): Kernlehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasien/Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf. S. 16-19. Abrufbar unter: http://www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_SII/ku/KLP_GOSt_Kunst_Endfassung.pdf [19.04.2016].

Niehoff, Rolf; Wenrich, Rainer (Hrsg.)(2007): Denken und Lernen mit Bildern. München. Kopaed.

Niehoff, Rolf (2009): Bildung – Bild(er) – Bildkompetenz(en): Zu einem wesentlichen Bildungsbeitrag des Kunstunterrichts. In: Bering, Kunibert; Niehoff, Rolf (Hrsg.): Bildkompetenzen). Beiträge des Kunstunterrichts zur Bildung. Oberhausen. Athena.

Pazzini, Karl-Josef; Sabisch, Andrea; Zahn, Manuel; May, Evelyn (Hrsg.) (2014): Visuelle Bildung. Kontur eines Forschungsfeldes. Hamburg. Abrufbar unter. http://kunst.erzwiss.uni-hamburg.de/ful-home/blog/wp-content/uploads/2014/10/RZ_VisuelleBildung_Broschu%CC%88re_140630_Ansicht.pdf [16.04.2016]

Peez, Georg (2007): Kunstunterricht heute – und morgen auch. Argumente und Konzepte im Überblick. In: Schulmagazin 5-10. Impulse für kreativen Unterricht. Heft Juli / August 7-8, 2007, S. 5-8. http://www.georgpeez.de/texte/schulmagazin.htm [16.04.2016]

Weber, Sandra (2008): Visual images in research. In: Knowles, Gary; Cole, Ardra (Hrsg.): Handbook of the arts in qualitative research: Perspectives, methodologies, examples, and issues. Los Angeles, CA. Sage Publications, S. 41-53.

o.T. (Subjekt) – Gastvortrag II

Für das 12. Kolloquium in Loccum konnten wir Karin Schneider und Anja Michaelsen als Gastreferentinnen gewinnen. Wir freuen uns bereits sehr auf ihre Inputs und die gemeinsamen Diskussionen. An dieser Stelle ein Vorgeschmack zum zweiten Beitrag:

Fragen der Subjekt/de/konstruktionen in partizipartiven Vermittlungs- und Forschungsprozessen mit Kindern und Jugendlichen

Karin Schneider

Die Frage nach Subjektpositionen, also auch nach der Handlungs- und Sprechmacht sind zentrale Drehpunkte für Reflexionen von Vermittlungs- und Forschungsprozessen: Wer spricht bzw. wessen Sprache findet Gehör? Wer bestimmt das Szenario? Wer stellt Fragen und wer wertet diese aus?

Das Schlagwort „Partizipation“ führt dabei das Versprechen mit, passive „Objekte“ in aktive „Subjekte“ der Forschung, der Vermittlung und der Adressierung politischer Vorhaben zu verwandeln. Damit sind emanzipatorische Momente im Paradigma der Partizipation beschrieben und gleichzeitig deren Widersprüche und Schwierigkeiten markiert. Eine der Schwierigkeiten könnte mit unserem generellen Zurückweichen vor der zu euphorischen Anrufung des Subjektbegriffes zutun haben; eine weitere mit dem Diktum der Partizipation:

Ist dieses doch heute in aller Munde und wurde es doch in manchen Förderschienen zu einem Codeword des Antragschreibens.

Partizipative Prozesse können dabei auf unterschiedlichen Ebenen behauptet werden, von der Idee der verändernden Teilhabe und Mitgestaltung in Forschung, Politik oder Design bis zu „hands on“ und Kommunikationsangeboten in Ausstellungen und Kunstpraxen. KritikerInnen (e.g. Bröckling 2007; Götsch et.al 2012; Hamm 2013) sprechen z.B. vom „Partizipations Imperativ“ und analysieren dessen Forderung immer und überall sein Bestes zu geben als Teil ökonomischer Umbauprozesse des „kognitiven Kapitalismus“.

Gerade in dieser Situation wäre nach dem emanzipatorischen Potential partizipativer Setzungen zu fragen, die damit in der Lage sein müssten, den Subjektbegriff selbst reflektierend und dekonstruktiv zu verwenden.

In meinem Input werde ich versuchen, dieses anhand einiger Mikroszenen aus eigenen partizipativen Forschungs- und Vermittlungsprozessen mit Kindern und Jugendlichen herauszuschälen. Dabei enzwickle ich grob skizziert die These, dass sich Subjektpositionen und Möglichkeiten der Selbstsetzung in und durch eine Verfehlung der Kommunikations- und Wahrnehmungssituationen herstellen können. Es sind genau die Zwischenräume gemeinsamen Weltverständnisses, die in den Fehlern der Anrufung entstehen können. Mit dem Fokus auf Rassismus und Gender De/konstruktionen in diesen Prozessen versuche ich zu zeigen, dass das politische Potential von „Partizipation“ in der Schaffung eines gemeinsamen politischen Begehrensraum liegt.

Literatur:

Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Götsch, Monika/Sabine Klinger/Andreas Thiesen (2012): „Stars in der Manege?“ Demokratietheoretische Überlegungen zur Dynamik partizipativer Forschung. In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, North America 13. Online: http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/1780/3296.

Hamm, Marion (2013): Engagierte Wissenschaft zwischen partizipativer Forschung reflexiver Ethnographie. In: Beate Binder, Friedrich von Bose, Katrin Ebell, Sabine Hess, Anika Keinz (Hrsg.): Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch. Münster: Westfälisches Dampfboot

Referentin:

Karin Schneider ist Zeithistorikern, Kunst- und Kulturvermittlerin. Bis 2007 war u.a. im MUMOK tätig, zuletzt als „Stabstelle Kunstvermittlung“. Sie wirkte in unterschiedlichen Forschungsprojekten mit die sich u,a, mit Erscheinungs- und Konstruktionsformen von gender in hands on Museen bei Kindern beschäftigten, als auch mit Methoden partizipativer Forschung mit Kindern- und Jugendlichen. Zur Zeit ist sie (zusammen mit Barbabra Mahlknecht, Andrea Hubin, Carla Bobadillia und Iver Ohm) als Wiener Gruppe des Netzwerkes „another roadmap for arts education“ Lehrbeauftragte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

o.T. (Subjekt) – Gastvortrag 1

Für das 12. Kolloquium in Loccum konnten wir Karin Schneider und Anja Michaelsen als Gastreferentinnen gewinnen. Wir freuen uns bereits sehr auf ihre Inputs und die gemeinsamen Diskussionen. An dieser Stelle ein erster Vorgeschmack zum ersten der zwei Beiträge:

Rachel Dolezal und die Performativität von ‚Rasse’

Anja Michaelsen

Rachel Dolezal ist eine 37-jährige US-Amerikanerin, die sich nach Aussage ihrer weißen Eltern in den letzten Jahre als Schwarz ausgegeben hat und als solches Vorsitzende einer Ortsgruppe der National Association for the Advancement of Colored People, der NAACP war, einer der ältesten afro-samerikanischen Bürgerrechtsorganisationen. Die Geschichte hat unendlich viele Facetten und lässt sehr widersprüchliche Deutungen zu, einschließlich der Erfindung von transracial als einer neuen Identitätskategorie, die sich analog zu transgender verhalte, oder der Feststellung, dass nur eine weiße Person so viel Aufsehen damit erregen kann, schwarz zu sein (Broderick Greer, twitter).

Die öffentliche Diskussion um Dolezals Race-Performance zeigt insbesondere die immmense affektive Aufladung von ‚Rasse’. Sie fordert dazu auf darüber nachzudenken, was es gegenwärtig in den USA aber auch an anderen Orten des politischen Nordens bedeutet, ein rassifiziertes Subjekt zu sein.

In meinem Input formuliere ich einige Überlegungen zu den Widersprüchen, die der ‚Fall’ Dolezal offenbart, inbesondere in Bezug auf aktuelle Formen der Performativität und Materialität von ‚Rasse’, sowie auf das Verhältnis rassifizierter Subjektivierung und Affizierung.

call for papers | o.T. (Subjekt) 12. Kunstpädagogisches Kolloquium

12. Kunstpädagogisches Kolloquium Loccum | Freitag 21. – Sonntag 23. August 2015

Verlängerter Einsendeschluss Mittwoch 27.5.2015, 23.00

call for papers | Kontakt loccum@gmx.net

o.T. (Subjekt)

Loccum 2015 widmet sich dem Subjekt, einem mehrdeutigen Begriffsbehälter, der bisweilen benutzt wird, um Ziel und Gegenstand von Bildung zu beschreiben. Gerade da der Begriff Subjekt nicht mit vorgeblich neutralen Begriffen wie Person oder Individuum gleichgesetzt werden kann, schließt er grundlegende Zusammenhänge und Legitimationen für die kunstpädagogische Praxis und Forschung auf und präzisiert diese.

In der Annahme, auf jemanden zu wirken, jemanden zu bilden, gründet die Herausforderung, dieses Gegenüber als jemanden zu denken, zum Beispiel als zu Bildende*n. Die Begriffe, die die Anderen bezeichnen, konstruieren diese Anderen auch. In der nachdenklichen Rede über das Subjekt ist also weit mehr, z.B. durchaus Institutionskritisches, enthalten als in der sogenannten Subjektorientierung der Didaktik, die oft Schülerorientierung meint. Deswegen möchten wir Subjekt als Analyseperspektive für die Kunstpädagogik ins Spiel bringen. Wie sprechen wir über das, was wir tun? Wie lassen sich die Anderen und die disziplinäre Beziehung zu ihnen fassen?

Historisch betrachtet gingen die Erziehungswissenschaften nie von einem vollständig souveränen und selbstreflexiven Individuum aus, auch im Humanismus war das pädagogische Paradox (Erziehung zur Mündigkeit) bekannt. Das ‚Subjekt’ rückte neu in den Fokus, als kritische Theorien begannen, sich auf Subjektwerdung als eine Doppelbewegung von Ermächtigung und Unterwerfung zu berufen. An der Entstehung individueller und kollektiver Subjekte durch Macht machte sich eine ganze Genealogie der Kritik fest, die psychische und soziale Bedingungen des Lebens/Überlebens in den Blick nimmt und auch – sozusagen mikropolitisch – nach der Bildung von Subjektivität fragt. Daran anschließend wäre zu diskutieren, wieviel ästhetische Selbstbildungserfahrung (Selle) im Kontext institutionell gerahmter und normativer Macht- und Anerkennungsstrukturen möglich ist, in denen die Beteiligten die ihnen zugewiesene Subjektposition nicht wählen, sondern sich nur dazu verhalten können. Inwiefern sind in unserem Feld das Aussehen, der sprachliche Ausdruck, die Fähigkeit, ‚richtig’ zu zeichnen oder ‚kreativ‘ zu agieren kraftvolle Marker und Unterscheidungsmerkmale, die Subjekten zu- oder aberkannt werden können und an denen jene sich bilden? Diese Marker schreiben sich beinahe von selbst weiter fort, und sie speisen sich aus problematischen Vorannahmen bezüglich Geschlecht, Alter, sozialer und ethnischer Herkunft, Rollenbildern, Elternhaus, Kunstbegriff, Bildungsbiographien, ‚Begabung’. An dieser Stelle lohnt es sich zu reflektieren, was die Bedingungen der Anerkennung in unserem Feld sind.

Eine lange Linie feministischer Theorie spürt Fragen von Handlungsfähigkeit und Subversion in Bezug auf die Subjektwerdung nach. Wie könnte das Annehmen einer Subjektposition kritisch in den Blick genommen werden? Wie lässt sich in die Diskussion über ein postsouveränes Subjekt die Frage nach der Prekarität einbringen, wie Butler vorschlägt? Inwiefern produzieren wir gerade im Kontext der Kunstpädagogik kulturelle Differenz(en) und wie begründen wir diese (Mecheril)? Loccum bietet ein Forum, aus der Praxis über die uns begegnenden kunstpädagogischen Subjektivationen zu berichten und damit persönlich und individuell Erlebtes auf seine Abhängigkeit von gesellschaftlichen und institutionellen Verhältnissen zu befragen. Welche Umgebungen können Kunstpädagog*innen bereitstellen, in denen Subjekte ,auskristallisieren’ (Pazzini)?

In Bezug auf konkrete Forschungsvorhaben könnte ein geschärfter Subjektbegriff das Verhältnis zwischen Forschenden und Beforschten auf hierarchisierende Positionierungen, auf Momente der Marginalisierung der Anderen untersuchen helfen (Sattler) und fragen, inwieweit sich diese als ‚einander fremde Subjekte’ gegenüberstehen. Desweiteren können im Kolloquium Forschungsmethoden und -designs auf ihre Eignung befragt werden, Standortgebundenheit und Aspekthaftigkeit mitzudenken. Wie kann Forschung eine sich – in Daten materialisierende – Beziehung zwischen forschenden und beforschten Subjekten differenzierter beschreiben? Was leisten das Intentionale nicht absolut setzende theoretische Ansätze (darunter Existenzialismus, Phänomenologie, Diskursanalyse, Psychoanalyse) in Hinblick auf das Subjekt? Wie ließen sich die Bedingungen und Kontexte von kunstpädagogischer Forschung und Praxis, in Pädagogik und Vermittlung, in die Analyse einbeziehen, ohne sie dadurch weiter festzuschreiben; wie lässt sich die Perspektive des ,undoing’ gewinnen?

Das kunstpädagogische Forschungskolloquium in Loccum möchte eine anregende Diskussion über die verschiedenen Befunde und Zugriffe ermöglichen, die das Subjekt der kunstpädagogischen Forschung und Praxis be-treffen: All subjects welcome.

Teilnehmer_innen: Alle Nachwuchswissenschaftler_innen (Promovierende und Post-Docs) sind herzlich eingeladen, ihre Forschungsarbeiten im Rahmen dieses thematischen Spannungsfeldes in Loccum vorzustellen und in der Gruppe zu diskutieren. Eine explizite Bezugnahme auf das Thema ist jedoch keine obligatorische Voraussetzung für die Teilnahme.

Das Kolloquium beginnt am Freitag, den 21.08. ab 13:30 Uhr und endet am Sonntag, den 23.08.2015 um 15 Uhr.

Kosten pro Person: Die Tagungsgebühr für Übernachtung und Vollpension beträgt maximal 155 € (Nicht-BDKMitglieder) und voraussichtlich maximal 130 € für BDK-Mitglieder (es besteht die Möglichkeit vor Ort dem BDK e.V. beizutreten).

Abstracts im Umfang von ein bis zwei Seiten bis zum 17. Mai 2015 per e-Mail an loccum@gmx.net.

Aktuelle Informationen: https://forschungskolloquiumloccum.wordpress.com/

Literaturhinweise:

Balzer, Nicole: Spuren der Anerkennung. Studien zu einer sozial- und erziehungswissenschaftlichen Kategorie, Wiesbaden: Springer VS, 2014.

Koller, Hans-Christoph; Winfried Marotzki und Olaf Sanders, Hrsg. Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse, Bielefeld: transcript, 2007.

Mecheril, Paul: „Ästhetische Bildung und Kunstpädagogik. Migrationspädagogische Anmerkungen“. In: Kunstunterricht und -vermittlung in der Migrationsgesellschaft, Teil I: Sich irritieren lassen. Art Education Research Nr. 6 / 2012, hrsg. von Carmen Mörsch und Nora Landkammer, http://iae-journal.zhdk.ch/no-6/texte/

Pazzini, Karl-Josef: „Perspektiven für die Kunstpädagogik“. In: BDK-Mitteilungen. 1/2004, S. 1 – 5. http://kunst.erzwiss.uni-hamburg.de/pdfs/perspekt_kupaed.pdf

Ricken, Norbert und Nicole Balzer, Hrsg. Judith Butler: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer VS, 2012.

Sattler, Elisabeth: „Kunst der (Ent-)Subjektivierung. Über aktuelle (Trans-)Formationen von Bildung/Kunst und deren Beiträge zur (Ent-)Subjektivierung.“ In: Westphal, Kristin und Wolf-Andreas Liebert, Hrsg. Gegenwärtigkeit und Fremdheit. Perspektiven der Künste auf Wissenschaft.

Schäfer, Alfred und Christiane Thompson, Hrsg. Anerkennung. Paderborn: Schöningh, 2010.

Subjekt“, in: Wulf, Christoph und Jörg Zirfas, Hrsg. Handbuch Pädagogische Anthropologie. Wiesbaden: Springer VS, 2014.

11. Kunstpädagogisches Kolloquium

Loccum1

»In diesen Tagen darf sich niemand auf das versteifen,
was er ›kann‹. In der Improvisation liegt die Stärke.
Alle entscheidenden Schläge
werden mit der linken Hand geführt werden.«
Walter Benjamin

ENT-SICHERN: Reflexionen kunst-/pädagogischer und wissenschaftlicher Prozesse
11. Kunstpädagogisches Forschungskolloquium vom 11.-14.09.2014 in Loccum

Ent-Sicherungsprozesse – als ein Einlassen auf das Noch-Nicht-Bekannte, das Unerwartete und Unbestimmte etc. – führen (mit ziemlicher Sicherheit) in unwägbares Terrain. Die Modi „Sichern“ und „Entsichern“ sind elementare Bestandteile von Forschung, künstlerischem Arbeiten und kunstpädagogischen Situationen. Sie beschreiben nicht nur einen Vorgang, sondern fordern zugleich auch einen Umgang heraus, der sich eingedenk der notwendigen ‚Illusionen von Autonomie‘ (Meyer-Drawe, 2000) nicht als rein aktiv oder passiv fassen lässt und sich darüber hinaus einer direkten Beobachtung und damit Dokumentation entzieht. Diskurse, die die Alterität und Pluralität von Bildungsvorgängen unterstellen, vermuten in dieser ambivalenten Situation ein überschreitendes Moment von Bildung (vgl. u.a. den Diskurs um transformatorische Bildung, u.a. von Hans-Christoph Koller 2012 oder den Diskurs zum „Umlernen“, vertreten durch u.a. Käte Meyer-Drawe 2000).

Ent-Sicherungsprozesse ereignen sich in einem Zwischenraum, der die Beteiligten mit Unbestimmbarkeiten, einem Be- und Entzug der eigenen Position konfrontieren kann und in dem sich der Gegenstand der künstlerischen Arbeit oder der Forschung im Prozess selbst erst konstituiert (vgl. u.a. Fischer-Lichte 2012, 44). Anderes kann zum Vorschein kommen, Neues wird kommunikabel (vgl. Mersch 2002, 138 ff.) und denkbar. Auf allen Ebenen, der künstlerischen oder kunstpädagogischen Praxis ebenso wie in Forschungsarbeiten, stellt das die Beteiligten vor die Herausforderung, Aufmerksamkeiten für die unverfügbaren und verborgenen Momente einer Situation zu entwickeln und diese nicht vorschnellen Bestimmungen und diskursiven Ordnungen zu unterwerfen. Kunst sei (hierfür) ein geeignetes Trennmittel, so Karl-Josef Pazzini, denn sie „[…] kann einen paradoxalen Aufenthaltsraum bieten, der nicht messerscharf entscheidet zwischen dem Vorstellbaren, dem Berührbaren, den Inhalten, den Formen, dem Richtigen und Falschen, dem Moralischen und Unmoralischen.“ (Pazzini 2012, 26)

Im Rahmen künstlerischer Praxen begegnen uns vielfältige Handlungsdispositionen, die auf diese möglichen „Aufenthaltsräume“ verweisen, denn künstlerisches Handeln fordert per se zu einem Umgang mit dem Unkalkulierbaren, dem Unerwarteten und dem offenen (Erfahrungs-)Prozess heraus. Das (künstlerisch-ästhetische) Experiment, das Ephemere, die Improvisation als „eine Praxis des Umgangs mit dem notwendig und immer schon Unvorhersehbaren“ (u.a. Bormann, Brandstetter, Matzke 2010, 7) erscheinen als wichtige und weit verbreitete Momente z.B. in zeitgenössischen theatralen, performativen, tänzerischen oder auch kunstvermittelnden Formaten.

Auf der Ebene der Rezeption lässt sich in den letzten Jahren (wieder) ein verstärktes Interesse ausmachen, die Rolle des Kunstwerks im Prozess der Erkenntnisgewinnung vertiefend zu hinterfragen und Prozesse des Sehens und Erlebens zu thematisieren, ohne dabei Dimensionen des Unbewussten und des Entzugs (vgl. u.a. Pazzini 1992) oder Grenzen einer Versprachlichung auszublenden. Anhand von sequentiellen Zeichnungen (im Bilderbuch) bspw. werden Bilderfahrungen hinterfragt, die Spuren des Unverfügbaren erahnbar werden lassen (vgl. u.a. Sabisch 2013). Ausgehend von Medienbildern können u.a. Blickzentrierungen und Modi der Sichtbarkeit beleuchtet werden, die zugleich auf das Nicht-Sichtbare verweisen (vgl. etwa Schade/ Wenk 2011).

Doch welche Möglichkeiten bestehen im Rahmen kunstpädagogischer Lehr- und Lernprozesse wie auch in Forschungskontexten, die eigenen Erkenntniswege und Praxen der Blickführung und -findung, der Kommunikation und Dokumentation in (vorläufige) Formen zu bringen, die zugleich einer Prozesshaftigkeit, Kontingenz und Unabschließbarkeit gerecht werden? Wie kann eine Begleitung von Phasen der Sicherung und Entsicherung für die Beteiligten gestaltet sein? Welche Impulse können gesetzt, aufgenommen, weitergeführt werden? Wie verschieben sich bestehende Verhältnisse und welchen Stellenwert nimmt dabei die Produktion anderer/ neuer Sicherheiten ein? Daran könnte sich die Frage anschließen, ob sich in Forschungsprozessen möglicherweise auch „ein Stück Zukunft“ (Roselt 2011, 35) entfalten lässt, das gerade in den „Reibungsflächen von Planung und Emergenz“ zum Vorschein kommt (ebd.).

Die in den letzten Jahren im Forschungskolloquium Loccum diskutierten theoretischen und empirischen Zugänge zeigen, dass sich an der Stelle zwischen sozial- und kunstwissenschaftlicher Forschung und Theorie ein neu strukturiertes Forschungsfeld eröffnet – neben und in Verbindung zum Feld der „Artistic Research“: Mehrperspektivische, kooperative, die Performativität von Bildungsprozessen reflektierende und am Bild orientierte / von Bildern ausgehende methodische Herangehensweisen suchen nach Erkenntniswegen, die dem Forschungsprozess und den darin liegenden Ent-Sicherungsvorgängen Rechnung tragen. Dabei können an Schnittstellen von künstlerischer Praxis und Wissenschaft neue epistemische Praktiken hervorgebracht werden, die dabei helfen, sich auch den „Rissen“, „Sprüngen“ und „Nicht-Zuständen“ eines Phänomens anzunähern (vgl. Mersch 2012, 39).

Neu: Für das diesjährige Forschungskolloquium konnten wir zwei Expert_innen zur theoretischen und praktischen Vertiefung des Themas “Ent-Sichern” gewinnen: Gereon Wulftange wird einen Theorie-Input mit dem Titel “Fremdes ent-sichern: Angst und Begehren als Moment in Bildungsprozessen?” einbringen. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Erziehungswissenschaft, im Institut für Bildungs- und Transformationsforschung der Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Bildungstheorie, empirische Biographieforschung und Psychoanalyse.
Die Performancekünstlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Kunst/Kunstpädagogik der Universität Osnabrück Anna Stern wird mit uns Performance-Übungen durchführen: Ent-sichern — herausgelöst aus dem Kontext der Waffentechnologie, als Antithese zu “sichern” begriffen, als Metapher übertragen auf Bildungskontexte — könnte stehen für: in Bewegung bleiben statt sich oder etwas zu fixieren, sich einer Erfahrung überlassen statt sie zu überwachen, sich zeigen statt sich zu verteidigen. Kurze Übungen laden dazu ein, den eigenen Leibkörper und das Gegenüber in Zeit und Raum auf eine Weise zu erleben, die zu produktiven Verunsicherungen und Überraschungen führen kann.

Teilnehmer_innen: Alle Nachwuchswissenschaftler_innen (Promovierende und Post-Docs) sind herzlich eingeladen, ihre Forschungsarbeiten im Rahmen dieses thematischen Spannungsfeldes in Loccum vorzustellen und in der Gruppe zu diskutieren! Eine explizite Bezugnahme auf das Thema ist jedoch keine obligatorische Voraussetzung für die Teilnahme.

Leitung: Das Forschungskolloquium findet auf vielfältigen Wunsch um einen Tag verlängert statt und wird geleitet von Katja Böhme, Evelyn May, Susanne Schittler und Sabine Sutter. Nachdem sich Prof. Dr. Andrea Sabisch im letzten Jahr aus der Organisation zurückgezogen hat, möchten wir gemeinsam mit allen Teilnehmer_innen auch an den Rahmungen zur Weiterführung dieser notwendigen institutions- und betreuungsunabhängigen Plattform arbeiten.

Kosten pro Person: Die Tagungsgebühr für Übernachtung und Vollpension beträgt 203 € (Nicht-BDK-Mitglieder) und voraussichtlich 158 € für BDK-Mitglieder (es besteht die Möglichkeit vor Ort dem BDK e.V. beizutreten). Wir danken den Unterstützer_innen (dem BDK Bundesverband sowie den Landesverbänden Berlin, Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen) herzlich für die zugesicherten Förderungen.

Abstracts: Bitte senden Sie Ihr Abstract im Umfang von ein bis zwei Seiten bis zum 15. Juni 2014 per e-Mail an loccum2014@gmx.de. Zusagen erfolgen bis Ende Juli 2014.

Literatur:

  • Benjamin, Walter (1928/2013): Chinawaren. In: ders.: Einbahnstraße. Berliner Kindheit um Neunzehnhundert. Frankfurt a.M. 2013, S. 14.
  • Bormann, Hans-Friedrich/ Brandstetter, Gabriele/ Matzke, Annemarie (2010): Improvisieren: eine Eröffnung. In: dies.(Hg): Improvisieren. Paradoxien des Unvorhersehbaren. Kunst-Medien-Praxis. Bielefeld: transcript, S.7-20.
  • Fischer-Lichte, Erika (2012): Performativität. Eine Einführung, Bielefeld: transcript.
  • Koller, Hans-Christoph (2012): Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Mersch, Dieter (2009/ 2012): Kunst als epistemische Praxis. In: Bippus, Elke (Hg.): Kunst des Forschens. Praxis eines ästhetischen Denkens. Zürich, Berlin: diaphanes, S.27-47
  • Mersch, Dieter (2002): Kunst und Medium. Zwei Vorlesungen. Kiel: Muthesius-Hochschule.
  • Meyer- Drawe, Käte (2000): Illusionen von Autonomie. München: Paul Kirchheim.
  • Pazzini, Karl-Josef (1992): Bilder und Bildung. Vom Bild zum Abbild bis zum Wiederauftauchen der Bilder: Münster: Lit-Vlg.
  • Pazzini, Karl-Josef (2012): Sehnsucht der Berührung und Aggressivität des Blicks. Kunstpädagogische Positionen Bd. 24. Hamburg: Hamburg University Press.
  • Ricken, Norbert/ Röhr, Henning/ Ruhloff, Jörg/ Schaller, Klaus (Hg.) (2009): Umlernen. Festschrift für Käte Meyer-Drawe. München: Fink.
  • Roselt, Jens (2011): Zukunft probieren. In: Hinz, Melanie/ ders. (Hg.): Chaos und Konzept. Proben und Probieren im Theater. Berlin, Köln: Alexander, S.16–37.
  • Schade, Sigrid/ Wenk, Silke (2011): Studien zur visuellen Kultur: Einführung in ein transdisziplinäres Forschungsfeld. Bielefeld: transcript.
  • Sabisch, Andrea (2013): Das Unverfügbare in der Erfahrung sequentieller Zeichnungen. In: Pazzini, Karl-Josef/ Sabisch, Andrea/ Tyradellis, Daniel (Hg.): Das Unverfügbare. Wunder, Wissen, Bildung. Berlin: diaphanes, S. 173-187.

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