call for papers | Schnittstellen | 15. Kunstpädagogisches Kolloquium

Welche Schnittstellen existieren zwischen Kunst, Pädagogik und Wissenschaft? Wie und in welchen Formen werden sie deutlich? Worauf verweisen sie? Wie lassen sich diesbezüglich Aspekte von Inter- und Transdisziplinarität beschreiben? Inwieweit können Schnittstellen zwischen wissenschaftlichen Denkweisen produktiv für die kunstpädagogische Forschung sein und inwiefern zeigen sich Schnittstellen in und zwischen künstlerischen Praktiken? Worin überschneiden sich Lehre und Lernen? Welche Relevanz bergen Schnittstellen von Theorie und Praxis?

Gilles Deleuze und Félix Guattari schaffen mit der poststrukturalistischen Denkfigur des Rhizoms ein neues Paradigma für nicht vertikale und dezentrierte Wachstumsereignisse von Systemen: Im „Unterschied zu den Bäumen und ihren Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen; jede seiner Linien verweist nicht zwangsläufig auf gleichartige Linien, sondern bringt sehr verschiedene Zeichensysteme ins Spiel und sogar nicht signifikante Zustände (états de non-signes). Das Rhizom läßt sich weder auf das Eine noch auf das Viele zurückführen. Es ist nicht das Eine, das Zwei wird, auch nicht das Eine, das direkt Drei, Vier, Fünf etc. wird. Es ist weder das Viele, das vom Einen abgeleitet wird, noch jenes Viele, zu dem das Eine hinzugefügt wird (n+1). Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen. […] [Es ist weder ein] zentriertes, […] [noch ein] hierarchisches […] [oder] signifikantes System ohne General […] [.] [Es ist kein] organisierendes Gedächtnis und [auch kein] Zentralautomat; es ist einzig und allein durch die Zirkulation der Zustände definiert“ (Deleuze/Guattari, 1977, S. 34f).
Bewegen wir uns in dieser Denkfigur, gewinnt die Bedeutungsebene der Schnittstelle an zentraler Relevanz. Im systemischen Kontext von Kunst, Bildung und Wissenschaft, in der Interdisziplinarität von verschiedenen semiotischen Zeichensystemen sollen im diesjährigen Kolloquium Schnittstellen im kunstpädagogischen Kontext sichtbar gemacht werden.
Das kunstpädagogische Forschungskolloquium Loccum begreift sich in diesem Zusammenhang als physische Schnittstelle, innerhalb derer über gemeinsame Herausforderungen und Themen diskutiert werden soll; unabhängig von „institutionellen Grenzen, regionalen Besonderheiten […] und unterschiedlichen ‚Schulen‘“ (Meyer/Sabisch, 2012, S. 11).

Schnittstellen treten in gegenwärtigen Kunst- und Kulturformen vielfältig auf: So treffen beispielsweise in der künstlerischen Forschung Kunst und Wissenschaft aufeinander, auf Theaterbühnen werden filmische Elemente integriert und Klangkünstler*innen verbinden Installation, Ton und Performance. Festzustellende Grenzen zwischen den einzelnen Künsten lösen sich zunehmend auf und lassen neue intermediale Kunstformen entstehen. Der Begriff der Intermedialität spielt insofern eine wichtige Rolle, da mit ihm Schnittstellen wie „Abhängigkeits-, Mischungs- oder Transformationsbeziehungen zwischen Produkten oder Verfahren unterschiedlicher Medien“ beschrieben werden können (Sanio 2010, S. 194).

Auch im Kontext künstlerisch-praktischer sowie wissenschaftlich-theoretischer Annäherung an Fragestellungen und Phänomene in kunstpädagogischen und vermittlungsorientierten Settings ergeben sich Schnittstellen für die Methodik in der eigenen Forschungsarbeit. In Anlehnung an das Leitmotiv „Neues Wissen durch anderes Tun“ (Tröndle/Warmers, 2012) soll dazu angeregt werden, wissenschaftliche und künstlerische Forschungsmethoden zu definieren, diese vergleichend zu betrachten, um sie schließlich produktiv für sich zu nutzen. Ausgehend von der Basis, sich innerhalb von Kunst und Wissenschaft mit den gleichen Themen zu beschäftigen (ebd.) und daran anknüpfend entsprechende Bezugsfelder zu definieren, regen Schnittstellen innerhalb des Methodendiskurses zum Querdenken an und eröffnen neue Perspektiven.


Formelles
Das kunstpädagogische Forschungskolloquium Loccum 2018 möchte dazu einladen, aktiv über verschiedene Formen von Schnittstellen zu diskutieren, diese zu reflektieren sowie neuen Schnittstellen nachzuspüren und jene offenzulegen. Alle Teilnehmer*innen haben ein etwa 40-minütiges Zeitfenster, in dem sie ihre Forschungsvorhaben in einer Arbeitsgruppe vorstellen und diskutieren können. Eine explizite thematische Bezugnahme auf den Call hinsichtlich der eigenen Forschungsarbeit ist wünschenswert, kann aber auch implizit im Rahmen anderer Forschungsvorhaben diskutiert werden und ist somit keine Voraussetzung zur Teilnahme. Als diskussionsbasiertes Kolloquium sind verschiedene Präsentations- und Arbeitsformate willkommen (beispielsweise Workshops, Vorträge, künstlerisch-performative Beiträge). Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass Loccum auch ein Ort für Fragmentarisches, Unreifes und Nicht-Ausformuliertes ist. In der Atmosphäre eines Arbeitstreffens soll das Forschungskolloquium insbesondere die Gelegenheit bieten, mit anderen Nachwuchswissenschaftler*innen auf Augenhöhe zu diskutieren. Das Kolloquium richtet sich vor allem an Nachwuchswissenschaftler*innen (Promovierende und Post-Docs) aus den Bereichen Kunstpädagogik, Kunsttherapie, Kunsttheorie, Kulturelle Bildung sowie allen benachbarten Fachrichtungen. Auch angehende Promovierende, die noch ganz am Anfang ihres Forschungsvorhabens stehen, sind herzlich willkommen.

Abstract: Wir freuen uns über Beiträge im Umfang von max. 3000 Zeichen inkl. Leerzeichen. Zusendung bis zum 3. Juni per E-Mail an loccum@gmx.net

Datum & Zeit: Das Kolloquium beginnt am Freitag, den 31. August um 14:30 Uhr und endet am Sonntag, den 2. September 2018 gegen 15 Uhr in der Ev. Akademie Loccum.

Kosten pro Person: Die Tagungsgebühr für Übernachtung und Verpflegung beträgt 169€, BDK-Mitglieder erhalten eine Vergünstigung. Es besteht die Möglichkeit vor Ort dem BDK e.V. beizutreten.

Weitere Informationen unter:
https://forschungskolloquiumloccum.wordpress.com/

Organisationsteam von Loccum 2018: Jonas Hogh, Marlene Nockmann, Ina Scheffler und Carolin Ehring


Literaturhinweise:
Hasitschka, Werner (Hg.): Performing Translation: Schnittstellen zwischen Kunst, Pädagogik und Wissen schaft. Wien: Löcker, 2014.
Tröndle, Martin. Warmers, Julia (Hg.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst. Bielefeld: transcript, 2012.
Sanio, Sabine: Intermedialität. S. 194-196. In: Motte-Haber, Helga de la/ Loesch, Heinz von/ Rötter, Günther / Utz, Christian (Hg.): Lexikon der Systematischen Musikwissenschaft. Laaber: Laaber, 2010.
Meyer, Torsten. Sabisch, Andrea (Hg.): Kunst Pädagogik Forschung. Aktuelle Zugänge und Perspektiven. Bielefeld: transcript, 2009.
Heyer, Stefan: Deleuzes und Guattaris Kunstkonzept. Ein Wegweiser durch Tausend Plateaus. Leipzig: Passagenverlag, 2001.
Eco, Umberto: Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen. Leipzig: Reclam, 1989.
Deleuze, Gilles. Guattari, Félix: Rhizom. Berlin: Merve, 1977.

Advertisements

call for papers | Räume schaffen | 14. Kunstpädagogisches Kolloquium

Seit dem Ausruf des Spatial Turn wird Raum heute zunehmend relationaler und dynamischer gedacht, was neue Perspektiven auf die materielle und die soziale Welt eröffnet. In Anlehnung an Michel de Certeaus Ausspruch “Ein Raum ist ein Ort, mit dem man etwas macht” (1988, 218) widmet sich das diesjährige Kolloquium einem betont aktiven Umgang mit dem Thema Raum und eröffnet damit das Spannungsfeld räumlicher Potentiale zwischen Visionen und Utopien einerseits, sowie Bedingtheiten und Begrenzungen andererseits. Was heißt es im Kontext kunstpädagogischer Fragestellungen und Anliegen in Lehre und Forschung, Räume zu schaffen – physisch, virtuell, geographisch, sozial? Welche Bedeutung kommt dabei unterschiedlichen Kontexten wie Schule, Museum oder Bildungsmedien und -politik zu?

Aktuell diskutierte Raumkonzepte sind äußerst vielfältig und vielschichtig. Angesichts einer mediatisierten Gesellschaft erscheint beispielsweise der virtuelle Raum von zunehmender Wichtigkeit, insbesondere als Raum der Imagination, der über seine Prägung durch digitale Technologien hinausweist. Davon ausgehend wird eine Vorstellung von Raum als Container, als begrenztes Gefäß, radikal in Frage gestellt. In der Vorstellung können Räume geschaffen und erfahren, Grenzen gezogen und überschritten werden. Doch selbst der virtuelle Raum kommt nicht ohne eine topographische, physische Verortung aus – durch seine materiellen Bedingungen ist er an geographische Räume gebunden. Grenzüberschreitungen rücken Themen wie Kolonialisierung, Migration, Demokratisierung, Partizipation und damit die Frage nach der Gestaltung oder auch der Gestaltbarkeit sozialer Räume in den Blick. Sozial-Sein erklärt sich wesentlich aus räumlichen Anordnungen, in die Menschen eingebunden sind (Löw) – seien diese virtuell oder physisch. Es stellt sich die Frage, wie sich handelnde Subjekte in Räumen positionieren können und inwiefern diese Positionierungsoptionen vorstrukturiert oder aber wandelbar sind (Butler).

Kunstpädagogische Kontexte bieten sich an, utopische, verheißungsvolle Räume zu entwerfen. Unterschiedliche Konzepte versuchen dabei spezifische Möglichkeiten des Räumlichen auszuschöpfen. Dies geschieht z.B. durch den Bezug auf die physische Präsenz der Personen im Raum, die soziale und politische Wirkmacht von institutionellen Räumen sowie deren Veränderungspotential. Weiter denkbar ist die Nutzbarmachung digitaler Räume, die beispielsweise die Chance bieten, sich sozialer Stigmata zu entledigen und Positionierungen dadurch neu verhandeln zu können.

Für eine kunstpädagogische und vermittlungsorientierte Forschung sind neben materiellen Orten wie Schule, Museum oder anderen Kunst- bzw. Bildungsinstitutionen immer auch deren immaterielle Bezugs- und Handlungsfelder bedeutsam. Durch das Handeln und Sprechen, das je nach Kontext spezifisch ausfällt, werden Wissensräume produziert, legitimiert, besetzt, abgesteckt und als allgemeingültig markiert. An Fragen nach Orten des Wissens, des Wo?, schließen sich Fragen nach deren Bedingungen und Gegebenheiten an, des Wie?.

Das Kolloquium in Loccum bietet dahingehend zunächst einen physisch verorteten Raum des Diskurses für einen gemeinsamen Austausch: Wo und wie berühren Fragen nach Raum und Räumlichkeit die eigene Forschungstätigkeit? Welche Vorstellungen und Konzeptionen von Räumen scheinen auf? In welchem Verhältnis stehen unterschiedliche Auffassungen und Ausprägungen zueinander, inwiefern greifen sie ineinander, überschneiden und überlagern sich? Welches Potential bieten diese für eine kritische Auseinandersetzung?

Formelles

Das kunstpädagogische Forschungskolloquium Loccum 2017 möchte dazu einladen, Fragen zu Räumlichkeiten zu teilen, zu diskutieren, zu reflektieren und zu erweitern. Eine explizite thematische Bezugnahme auf den Call hinsichtlich der eigenen Forschungsarbeit ist wünschenswert, kann aber auch implizit im Rahmen anderer Forschungsschwerpunkte diskutiert werden und ist keine Voraussetzung zur Teilnahme. Als diskussionsbasiertes Kolloquium sind verschiedene Präsentations- und Arbeitsformate willkommen (Workshops, Vorträge, künstlerisch-performative Beiträge). Das Kolloquium richtet sich vornehmlich an Nachwuchswissenschaftler_innen (Promovierende und Post-Docs) und bietet diesen explizit die Möglichkeit, Fragmentarisches und Nicht-Ausformuliertes zur Disposition zu stellen. Ausdrücklich willkommen sind dabei angehende Promovierende, die noch ganz am Anfang ihres Forschungsvorhabens stehen.

Abstract: Wir freuen uns über Beiträge im Umfang von max. ca. 3000 Zeichen inkl. Leerzeichen. Zusendung bis zum 15. Juni 2017 per E-Mail an loccum@gmx.net

Datum & Zeit: Das Kolloquium beginnt am Freitag, den 08. September um 14:30 Uhr und endet am Sonntag, den 10. September 2017 gegen 15 Uhr in der Ev. Akademie Loccum.

Kosten pro Person: Die Tagungsgebühr für Übernachtung und Verpflegung beträgt 169€, BDK-Mitglieder erhalten eine Vergünstigung. Es besteht die Möglichkeit vor Ort dem BDK e.V. beizutreten.

Weitere Informationen unter: https://forschungskolloquiumloccum.wordpress.com/

Loccum 2017 Organisation: Nathalie Werner, Karolin Leitermann, Lennart Krauss, Daniela Gernand, Hendrikje Duewel, Nadia Bader

…………………………………………………………………………………………………………

Literaturhinweise:

De Certeau, Michel: Praktiken im Raum, in: Ders.: Kunst des Handelns, Berlin: Merve, 1988, S.218ff.

Dünne, Jörg und Günzel, Stephan (Hrsg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2015.

Lefebvre, Henri: The production of space. New Jersey: John Wiley & Sons, 1991.

Löw, Martina: Space Oddity. Raumtheorie nach dem Spatial Turn. In: sozialraum.de (7) Ausgabe 1/2015. URL: http://www.sozialraum.de/space-oddity-raumtheorie-nach-dem-spatial-turn.php, [Datum des Zugriffs: 03.01.2017].

Von Hoff, Dagmar: Performanz. Repräsentation. In: von Braun, Christina u. Stephan, Inge (Hrsg.): Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gender-Theorien. Böhlau: UTB, 2009.

call for papers | AnSichten | 13. Kunstpädagogisches Kolloquium

AnSichten: Forschungsperspektiven auf Kunst und Bild(ung) | Freitag 26. – Sonntag 28. August 2016 | DOWNLOAD: Call for Papers_Loccum 2016

Mit dem Titel AnSichten: Forschungsperspektiven auf Kunst und Bildung legt Loccum 2016 einen Schwerpunkt auf das Forschen mit und an visuellem (Daten)Material. Der Titel verweist zugleich auf den multiperspektiven Umgang mit Bildern jeglicher medialer Repräsentation. Zu Sichten ist visuelles Forschungsmaterial aus Datenerhebungen, bspw. Fotos oder Videos aus kunstpädagogischen Vermittlungssituationen, künstlerisch-gestalterische Produkte und Lernerartefakte ebenso wie Modelle und Grafiken. Dabei stellen sich Fragen wie: Welche Rolle spielen Bilder im Rahmen meiner Forschungsarbeit? Wie analysiere, interpretiere und präsentiere ich visuelles Datenmaterial? Wie kommuniziere ich visuelle Inhalte bzw. wie visualisiere ich Erkenntnisse? Wie werden diese Entscheidungen transparent gemacht?

Der Fokus auf eine Forschung mit, an und durch Bilder stellt die Rolle des Visuellen in wissenschaftlich-kunstpädagogischen Prozessen in den Vordergrund. Der Kunstunterricht als „Fach des Bildes“ (Niehoff & Wenrich, 2007: 22) dient dem reflektierten, selbstbestimmten Umgang in Form von Produktion, Rezeption als auch Reflexion von Bildern als elementare „Basisqualifikationen neben Lesen, Schreiben und Rechnen“ (Peez, 2007). Bildkompetenz und Visual Literacy prägen seit Jahren den fachdidaktischen Diskurs. Visuelles Forschen als auch das Visualisieren von Ergebnissen in verschiedenen Disziplinen hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Zugleich ist in wissenschaftlich-kunstpädagogischen Veröffentlichungen eher ein „Bildverzicht“ (Maar, 2014: 12) zu beobachten.

Bilder & Wissen

Der erweiterte Bildbegriff umfasst „Heterogenes wie Phantasmagorien oder Metaphern, Skulpturen und Ikonen, Diagramme, Installationen oder Bewegtbilder, aber auch reine Farbfelder, automatisch produzierte Graphen und chromatische Serien von Pixeln, die alles, was auf einem Bildschirm erscheinen kann, tendenziell zu einem ‚ikonischen Effekt’ werden lassen“ (Mersch, 2011: 1). Neben die materiellen Bilder treten sogenannte „Figures of thought“ (Dirmoser, 2005), die Vorbewusstes visualisieren und Bilder mental in Erscheinung treten lassen. Diese Transmedialität und Komplexität des Bildes findet sich im schulisch curricularen Kontext jedoch häufig nicht (vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, 2014: 11). Das Bild im engeren Sinne wird im Kunstunterricht oft auf ein vom Urheber in Form von „Objekte[n], Prozesse[n] und Situationen“ gestaltetes visuelles Phänomen (Niehoff, 2009: 14) beschränkt.
In Anlehnung an Kants Kritik der reinen Vernunft beschreiben Heßler und Mersch (2009) einen Paradigmenwechsel zu einer „Kritik der ikonischen Vernunft”. Bilder sind hierbei nicht bloß Visualisierungen oder Repräsentationen von bereits existierendem Wissen, sondern selbst wissens-konstitutiv. Demnach generieren Bilder neue Erkenntnisse bzw. bildspezifische Formen von Wissen. Phänomene werden durch die aktive Einbeziehung von Bildern und bildbasierten Prozessen in der Forschung „holistisch“ begreifbar (Weber: 2008). Das Bild wird somit als eigenständiges erkenntnistheoretisches Medium in verschiedenen Disziplinen zunehmend erkannt und diskutiert. Im kunstpädagogischen Kontext stellt Pazzini die “wachsende Bedeutung von Bildern […] in der Wissenschaft” heraus, die eine “bildende, erziehende, sozialisierende und forschende” (2014: 14) Funktion erfüllen.
Aufgrund ihrer spezifischen Qualitäten, besitzt jede visuelle Darstellungsform (wie Foto, Zeichnung oder Film) erkenntnistheoretisch konstitutive Parameter und ermöglicht damit einen eigenen Zugang zu bestehendem und neuem Wissen. Im Forschungsprozess sind diese besonderen Eigenschaften zu beachten, wenn visuelles (Daten)Material erhoben bzw. generiert wird, als auch bei der Übersetzung der gewonnen Erkenntnisse in andere Darstellungsweisen wie z.B. Diagramme, Skizzen oder Texte. Besonders spannungsreich erscheint in diesem Kontext das Verhältnis zwischen Bild und Text, weil wissenschaftliche Ergebnisse primär sprachlich präsentiert werden, aber auch aufgrund erkenntnistheoretischer Differenzen von Wort und Bild.

Formelles

Das kunstpädagogische Forschungskolloquium Loccum 2016 möchte zum Teilen, Diskutieren, Reflektieren und Erweitern von AnSichten auf die eigene Forschung und speziell den Umgang mit visuellem Material anregen. Eine explizite Bezugnahme auf die im Call aufgeworfenen Fragen hinsichtlich der eigenen Forschungsarbeit ist wünschenswert, kann aber auch implizit im Rahmen anderer Forschungsschwerpunkte diskutiert werden und ist keine Voraussetzung zur Teilnahme. Als diskussionsbasiertes Kolloquium sind verschiedene Präsentationsformate, auch künstlerisch-performative Positionen, willkommen. Loccum 2016 bietet den Teilnehmer_innen explizit die Möglichkeit, Fragmentarisches und Nicht-Ausformuliertes zur Disposition zu stellen.

Das kunstpädagogisch-wissenschaftliche Kolloquium richtet sich vornehmlich an den kunstpädagogischen Nachwuchs (Lehrkräfte, Promovierende und Post-Docs). Ausdrücklich willkommen sind auch Promovierende in der frühen Forschungsphase, um beispielsweise ihre Forschungsfragen oder einen möglichen Umgang mit visuellem Material gemeinsam in der Gruppe zu diskutieren.

Abstract: Wir freuen uns über Beiträge im Umfang von max. ca. 3000 Zeichen inkl. Leerzeichen und einem für die eigene Forschung relevanten Bild. Zusendung bis zum 1. Juni 2016 per E-Mail an loccum@gmx.net

Datum & Zeit: Das Kolloquium beginnt am Freitag, den 26. August um 14:30 Uhr und endet am Sonntag, den 28. August 2016 gegen 15 Uhr in der Ev. Akademie Loccum.

Kosten pro Person: Die Tagungsgebühr für Übernachtung und Verpflegung beträgt 155€ und maximal 135€ für BDK-Mitglieder. (Es besteht die Möglichkeit vor Ort dem BDK e.V. beizutreten.)

Weitere Informationen: https://forschungskolloquiumloccum.wordpress.com/

Loccum 2016 Leitung: Nico Roenpagel, Miriam Vierhaus und Christina Inthoff

……………………………………………………………………..

Literaturhinweise:

Dirmoser, Gerhard (2005). Abrufbar unter: http://gerhard_dirmoser.public1.linz.at/A0/Diagrammbild_3_0_D.pdf [19.04.2016]

Heßler, Martina; Mersch, Dieter (Hrsg.) (2009): Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. Bielefeld. Transcript.

Marr, Stefanie (2014): Kunstpädagogik in der Praxis. Wie ist eine wirksame Kunstvermittlung möglich? Eine Einladung zum Gespräch. Bielefeld. Transcript.

Mersch, Dieter (2011): Materialität und Bildlichkeit. Abrufbar unter: http://www.dieter-mersch.de/Texte/PDF-s/ [19.04.2016]

Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.)(2014): Kernlehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasien/Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf. S. 16-19. Abrufbar unter: http://www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_SII/ku/KLP_GOSt_Kunst_Endfassung.pdf [19.04.2016].

Niehoff, Rolf; Wenrich, Rainer (Hrsg.)(2007): Denken und Lernen mit Bildern. München. Kopaed.

Niehoff, Rolf (2009): Bildung – Bild(er) – Bildkompetenz(en): Zu einem wesentlichen Bildungsbeitrag des Kunstunterrichts. In: Bering, Kunibert; Niehoff, Rolf (Hrsg.): Bildkompetenzen). Beiträge des Kunstunterrichts zur Bildung. Oberhausen. Athena.

Pazzini, Karl-Josef; Sabisch, Andrea; Zahn, Manuel; May, Evelyn (Hrsg.) (2014): Visuelle Bildung. Kontur eines Forschungsfeldes. Hamburg. Abrufbar unter. http://kunst.erzwiss.uni-hamburg.de/ful-home/blog/wp-content/uploads/2014/10/RZ_VisuelleBildung_Broschu%CC%88re_140630_Ansicht.pdf [16.04.2016]

Peez, Georg (2007): Kunstunterricht heute – und morgen auch. Argumente und Konzepte im Überblick. In: Schulmagazin 5-10. Impulse für kreativen Unterricht. Heft Juli / August 7-8, 2007, S. 5-8. http://www.georgpeez.de/texte/schulmagazin.htm [16.04.2016]

Weber, Sandra (2008): Visual images in research. In: Knowles, Gary; Cole, Ardra (Hrsg.): Handbook of the arts in qualitative research: Perspectives, methodologies, examples, and issues. Los Angeles, CA. Sage Publications, S. 41-53.

o.T. (Subjekt) – Gastvortrag II

Für das 12. Kolloquium in Loccum konnten wir Karin Schneider und Anja Michaelsen als Gastreferentinnen gewinnen. Wir freuen uns bereits sehr auf ihre Inputs und die gemeinsamen Diskussionen. An dieser Stelle ein Vorgeschmack zum zweiten Beitrag:

Fragen der Subjekt/de/konstruktionen in partizipartiven Vermittlungs- und Forschungsprozessen mit Kindern und Jugendlichen

Karin Schneider

Die Frage nach Subjektpositionen, also auch nach der Handlungs- und Sprechmacht sind zentrale Drehpunkte für Reflexionen von Vermittlungs- und Forschungsprozessen: Wer spricht bzw. wessen Sprache findet Gehör? Wer bestimmt das Szenario? Wer stellt Fragen und wer wertet diese aus?

Das Schlagwort „Partizipation“ führt dabei das Versprechen mit, passive „Objekte“ in aktive „Subjekte“ der Forschung, der Vermittlung und der Adressierung politischer Vorhaben zu verwandeln. Damit sind emanzipatorische Momente im Paradigma der Partizipation beschrieben und gleichzeitig deren Widersprüche und Schwierigkeiten markiert. Eine der Schwierigkeiten könnte mit unserem generellen Zurückweichen vor der zu euphorischen Anrufung des Subjektbegriffes zutun haben; eine weitere mit dem Diktum der Partizipation:

Ist dieses doch heute in aller Munde und wurde es doch in manchen Förderschienen zu einem Codeword des Antragschreibens.

Partizipative Prozesse können dabei auf unterschiedlichen Ebenen behauptet werden, von der Idee der verändernden Teilhabe und Mitgestaltung in Forschung, Politik oder Design bis zu „hands on“ und Kommunikationsangeboten in Ausstellungen und Kunstpraxen. KritikerInnen (e.g. Bröckling 2007; Götsch et.al 2012; Hamm 2013) sprechen z.B. vom „Partizipations Imperativ“ und analysieren dessen Forderung immer und überall sein Bestes zu geben als Teil ökonomischer Umbauprozesse des „kognitiven Kapitalismus“.

Gerade in dieser Situation wäre nach dem emanzipatorischen Potential partizipativer Setzungen zu fragen, die damit in der Lage sein müssten, den Subjektbegriff selbst reflektierend und dekonstruktiv zu verwenden.

In meinem Input werde ich versuchen, dieses anhand einiger Mikroszenen aus eigenen partizipativen Forschungs- und Vermittlungsprozessen mit Kindern und Jugendlichen herauszuschälen. Dabei enzwickle ich grob skizziert die These, dass sich Subjektpositionen und Möglichkeiten der Selbstsetzung in und durch eine Verfehlung der Kommunikations- und Wahrnehmungssituationen herstellen können. Es sind genau die Zwischenräume gemeinsamen Weltverständnisses, die in den Fehlern der Anrufung entstehen können. Mit dem Fokus auf Rassismus und Gender De/konstruktionen in diesen Prozessen versuche ich zu zeigen, dass das politische Potential von „Partizipation“ in der Schaffung eines gemeinsamen politischen Begehrensraum liegt.

Literatur:

Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Götsch, Monika/Sabine Klinger/Andreas Thiesen (2012): „Stars in der Manege?“ Demokratietheoretische Überlegungen zur Dynamik partizipativer Forschung. In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, North America 13. Online: http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/1780/3296.

Hamm, Marion (2013): Engagierte Wissenschaft zwischen partizipativer Forschung reflexiver Ethnographie. In: Beate Binder, Friedrich von Bose, Katrin Ebell, Sabine Hess, Anika Keinz (Hrsg.): Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch. Münster: Westfälisches Dampfboot

Referentin:

Karin Schneider ist Zeithistorikern, Kunst- und Kulturvermittlerin. Bis 2007 war u.a. im MUMOK tätig, zuletzt als „Stabstelle Kunstvermittlung“. Sie wirkte in unterschiedlichen Forschungsprojekten mit die sich u,a, mit Erscheinungs- und Konstruktionsformen von gender in hands on Museen bei Kindern beschäftigten, als auch mit Methoden partizipativer Forschung mit Kindern- und Jugendlichen. Zur Zeit ist sie (zusammen mit Barbabra Mahlknecht, Andrea Hubin, Carla Bobadillia und Iver Ohm) als Wiener Gruppe des Netzwerkes „another roadmap for arts education“ Lehrbeauftragte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

o.T. (Subjekt) – Gastvortrag 1

Für das 12. Kolloquium in Loccum konnten wir Karin Schneider und Anja Michaelsen als Gastreferentinnen gewinnen. Wir freuen uns bereits sehr auf ihre Inputs und die gemeinsamen Diskussionen. An dieser Stelle ein erster Vorgeschmack zum ersten der zwei Beiträge:

Rachel Dolezal und die Performativität von ‚Rasse’

Anja Michaelsen

Rachel Dolezal ist eine 37-jährige US-Amerikanerin, die sich nach Aussage ihrer weißen Eltern in den letzten Jahre als Schwarz ausgegeben hat und als solches Vorsitzende einer Ortsgruppe der National Association for the Advancement of Colored People, der NAACP war, einer der ältesten afro-samerikanischen Bürgerrechtsorganisationen. Die Geschichte hat unendlich viele Facetten und lässt sehr widersprüchliche Deutungen zu, einschließlich der Erfindung von transracial als einer neuen Identitätskategorie, die sich analog zu transgender verhalte, oder der Feststellung, dass nur eine weiße Person so viel Aufsehen damit erregen kann, schwarz zu sein (Broderick Greer, twitter).

Die öffentliche Diskussion um Dolezals Race-Performance zeigt insbesondere die immmense affektive Aufladung von ‚Rasse’. Sie fordert dazu auf darüber nachzudenken, was es gegenwärtig in den USA aber auch an anderen Orten des politischen Nordens bedeutet, ein rassifiziertes Subjekt zu sein.

In meinem Input formuliere ich einige Überlegungen zu den Widersprüchen, die der ‚Fall’ Dolezal offenbart, inbesondere in Bezug auf aktuelle Formen der Performativität und Materialität von ‚Rasse’, sowie auf das Verhältnis rassifizierter Subjektivierung und Affizierung.