11. Kunstpädagogisches Kolloquium

Loccum1

»In diesen Tagen darf sich niemand auf das versteifen,
was er ›kann‹. In der Improvisation liegt die Stärke.
Alle entscheidenden Schläge
werden mit der linken Hand geführt werden.«
Walter Benjamin

ENT-SICHERN: Reflexionen kunst-/pädagogischer und wissenschaftlicher Prozesse
11. Kunstpädagogisches Forschungskolloquium vom 11.-14.09.2014 in Loccum

Ent-Sicherungsprozesse – als ein Einlassen auf das Noch-Nicht-Bekannte, das Unerwartete und Unbestimmte etc. – führen (mit ziemlicher Sicherheit) in unwägbares Terrain. Die Modi „Sichern“ und „Entsichern“ sind elementare Bestandteile von Forschung, künstlerischem Arbeiten und kunstpädagogischen Situationen. Sie beschreiben nicht nur einen Vorgang, sondern fordern zugleich auch einen Umgang heraus, der sich eingedenk der notwendigen ‚Illusionen von Autonomie‘ (Meyer-Drawe, 2000) nicht als rein aktiv oder passiv fassen lässt und sich darüber hinaus einer direkten Beobachtung und damit Dokumentation entzieht. Diskurse, die die Alterität und Pluralität von Bildungsvorgängen unterstellen, vermuten in dieser ambivalenten Situation ein überschreitendes Moment von Bildung (vgl. u.a. den Diskurs um transformatorische Bildung, u.a. von Hans-Christoph Koller 2012 oder den Diskurs zum „Umlernen“, vertreten durch u.a. Käte Meyer-Drawe 2000).

Ent-Sicherungsprozesse ereignen sich in einem Zwischenraum, der die Beteiligten mit Unbestimmbarkeiten, einem Be- und Entzug der eigenen Position konfrontieren kann und in dem sich der Gegenstand der künstlerischen Arbeit oder der Forschung im Prozess selbst erst konstituiert (vgl. u.a. Fischer-Lichte 2012, 44). Anderes kann zum Vorschein kommen, Neues wird kommunikabel (vgl. Mersch 2002, 138 ff.) und denkbar. Auf allen Ebenen, der künstlerischen oder kunstpädagogischen Praxis ebenso wie in Forschungsarbeiten, stellt das die Beteiligten vor die Herausforderung, Aufmerksamkeiten für die unverfügbaren und verborgenen Momente einer Situation zu entwickeln und diese nicht vorschnellen Bestimmungen und diskursiven Ordnungen zu unterwerfen. Kunst sei (hierfür) ein geeignetes Trennmittel, so Karl-Josef Pazzini, denn sie „[…] kann einen paradoxalen Aufenthaltsraum bieten, der nicht messerscharf entscheidet zwischen dem Vorstellbaren, dem Berührbaren, den Inhalten, den Formen, dem Richtigen und Falschen, dem Moralischen und Unmoralischen.“ (Pazzini 2012, 26)

Im Rahmen künstlerischer Praxen begegnen uns vielfältige Handlungsdispositionen, die auf diese möglichen „Aufenthaltsräume“ verweisen, denn künstlerisches Handeln fordert per se zu einem Umgang mit dem Unkalkulierbaren, dem Unerwarteten und dem offenen (Erfahrungs-)Prozess heraus. Das (künstlerisch-ästhetische) Experiment, das Ephemere, die Improvisation als „eine Praxis des Umgangs mit dem notwendig und immer schon Unvorhersehbaren“ (u.a. Bormann, Brandstetter, Matzke 2010, 7) erscheinen als wichtige und weit verbreitete Momente z.B. in zeitgenössischen theatralen, performativen, tänzerischen oder auch kunstvermittelnden Formaten.

Auf der Ebene der Rezeption lässt sich in den letzten Jahren (wieder) ein verstärktes Interesse ausmachen, die Rolle des Kunstwerks im Prozess der Erkenntnisgewinnung vertiefend zu hinterfragen und Prozesse des Sehens und Erlebens zu thematisieren, ohne dabei Dimensionen des Unbewussten und des Entzugs (vgl. u.a. Pazzini 1992) oder Grenzen einer Versprachlichung auszublenden. Anhand von sequentiellen Zeichnungen (im Bilderbuch) bspw. werden Bilderfahrungen hinterfragt, die Spuren des Unverfügbaren erahnbar werden lassen (vgl. u.a. Sabisch 2013). Ausgehend von Medienbildern können u.a. Blickzentrierungen und Modi der Sichtbarkeit beleuchtet werden, die zugleich auf das Nicht-Sichtbare verweisen (vgl. etwa Schade/ Wenk 2011).

Doch welche Möglichkeiten bestehen im Rahmen kunstpädagogischer Lehr- und Lernprozesse wie auch in Forschungskontexten, die eigenen Erkenntniswege und Praxen der Blickführung und -findung, der Kommunikation und Dokumentation in (vorläufige) Formen zu bringen, die zugleich einer Prozesshaftigkeit, Kontingenz und Unabschließbarkeit gerecht werden? Wie kann eine Begleitung von Phasen der Sicherung und Entsicherung für die Beteiligten gestaltet sein? Welche Impulse können gesetzt, aufgenommen, weitergeführt werden? Wie verschieben sich bestehende Verhältnisse und welchen Stellenwert nimmt dabei die Produktion anderer/ neuer Sicherheiten ein? Daran könnte sich die Frage anschließen, ob sich in Forschungsprozessen möglicherweise auch „ein Stück Zukunft“ (Roselt 2011, 35) entfalten lässt, das gerade in den „Reibungsflächen von Planung und Emergenz“ zum Vorschein kommt (ebd.).

Die in den letzten Jahren im Forschungskolloquium Loccum diskutierten theoretischen und empirischen Zugänge zeigen, dass sich an der Stelle zwischen sozial- und kunstwissenschaftlicher Forschung und Theorie ein neu strukturiertes Forschungsfeld eröffnet – neben und in Verbindung zum Feld der „Artistic Research“: Mehrperspektivische, kooperative, die Performativität von Bildungsprozessen reflektierende und am Bild orientierte / von Bildern ausgehende methodische Herangehensweisen suchen nach Erkenntniswegen, die dem Forschungsprozess und den darin liegenden Ent-Sicherungsvorgängen Rechnung tragen. Dabei können an Schnittstellen von künstlerischer Praxis und Wissenschaft neue epistemische Praktiken hervorgebracht werden, die dabei helfen, sich auch den „Rissen“, „Sprüngen“ und „Nicht-Zuständen“ eines Phänomens anzunähern (vgl. Mersch 2012, 39).

Neu: Für das diesjährige Forschungskolloquium konnten wir zwei Expert_innen zur theoretischen und praktischen Vertiefung des Themas “Ent-Sichern” gewinnen: Gereon Wulftange wird einen Theorie-Input mit dem Titel “Fremdes ent-sichern: Angst und Begehren als Moment in Bildungsprozessen?” einbringen. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Erziehungswissenschaft, im Institut für Bildungs- und Transformationsforschung der Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Bildungstheorie, empirische Biographieforschung und Psychoanalyse.
Die Performancekünstlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Kunst/Kunstpädagogik der Universität Osnabrück Anna Stern wird mit uns Performance-Übungen durchführen: Ent-sichern — herausgelöst aus dem Kontext der Waffentechnologie, als Antithese zu “sichern” begriffen, als Metapher übertragen auf Bildungskontexte — könnte stehen für: in Bewegung bleiben statt sich oder etwas zu fixieren, sich einer Erfahrung überlassen statt sie zu überwachen, sich zeigen statt sich zu verteidigen. Kurze Übungen laden dazu ein, den eigenen Leibkörper und das Gegenüber in Zeit und Raum auf eine Weise zu erleben, die zu produktiven Verunsicherungen und Überraschungen führen kann.

Teilnehmer_innen: Alle Nachwuchswissenschaftler_innen (Promovierende und Post-Docs) sind herzlich eingeladen, ihre Forschungsarbeiten im Rahmen dieses thematischen Spannungsfeldes in Loccum vorzustellen und in der Gruppe zu diskutieren! Eine explizite Bezugnahme auf das Thema ist jedoch keine obligatorische Voraussetzung für die Teilnahme.

Leitung: Das Forschungskolloquium findet auf vielfältigen Wunsch um einen Tag verlängert statt und wird geleitet von Katja Böhme, Evelyn May, Susanne Schittler und Sabine Sutter. Nachdem sich Prof. Dr. Andrea Sabisch im letzten Jahr aus der Organisation zurückgezogen hat, möchten wir gemeinsam mit allen Teilnehmer_innen auch an den Rahmungen zur Weiterführung dieser notwendigen institutions- und betreuungsunabhängigen Plattform arbeiten.

Kosten pro Person: Die Tagungsgebühr für Übernachtung und Vollpension beträgt 203 € (Nicht-BDK-Mitglieder) und voraussichtlich 158 € für BDK-Mitglieder (es besteht die Möglichkeit vor Ort dem BDK e.V. beizutreten). Wir danken den Unterstützer_innen (dem BDK Bundesverband sowie den Landesverbänden Berlin, Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen) herzlich für die zugesicherten Förderungen.

Abstracts: Bitte senden Sie Ihr Abstract im Umfang von ein bis zwei Seiten bis zum 15. Juni 2014 per e-Mail an loccum2014@gmx.de. Zusagen erfolgen bis Ende Juli 2014.

Literatur:

  • Benjamin, Walter (1928/2013): Chinawaren. In: ders.: Einbahnstraße. Berliner Kindheit um Neunzehnhundert. Frankfurt a.M. 2013, S. 14.
  • Bormann, Hans-Friedrich/ Brandstetter, Gabriele/ Matzke, Annemarie (2010): Improvisieren: eine Eröffnung. In: dies.(Hg): Improvisieren. Paradoxien des Unvorhersehbaren. Kunst-Medien-Praxis. Bielefeld: transcript, S.7-20.
  • Fischer-Lichte, Erika (2012): Performativität. Eine Einführung, Bielefeld: transcript.
  • Koller, Hans-Christoph (2012): Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Mersch, Dieter (2009/ 2012): Kunst als epistemische Praxis. In: Bippus, Elke (Hg.): Kunst des Forschens. Praxis eines ästhetischen Denkens. Zürich, Berlin: diaphanes, S.27-47
  • Mersch, Dieter (2002): Kunst und Medium. Zwei Vorlesungen. Kiel: Muthesius-Hochschule.
  • Meyer- Drawe, Käte (2000): Illusionen von Autonomie. München: Paul Kirchheim.
  • Pazzini, Karl-Josef (1992): Bilder und Bildung. Vom Bild zum Abbild bis zum Wiederauftauchen der Bilder: Münster: Lit-Vlg.
  • Pazzini, Karl-Josef (2012): Sehnsucht der Berührung und Aggressivität des Blicks. Kunstpädagogische Positionen Bd. 24. Hamburg: Hamburg University Press.
  • Ricken, Norbert/ Röhr, Henning/ Ruhloff, Jörg/ Schaller, Klaus (Hg.) (2009): Umlernen. Festschrift für Käte Meyer-Drawe. München: Fink.
  • Roselt, Jens (2011): Zukunft probieren. In: Hinz, Melanie/ ders. (Hg.): Chaos und Konzept. Proben und Probieren im Theater. Berlin, Köln: Alexander, S.16–37.
  • Schade, Sigrid/ Wenk, Silke (2011): Studien zur visuellen Kultur: Einführung in ein transdisziplinäres Forschungsfeld. Bielefeld: transcript.
  • Sabisch, Andrea (2013): Das Unverfügbare in der Erfahrung sequentieller Zeichnungen. In: Pazzini, Karl-Josef/ Sabisch, Andrea/ Tyradellis, Daniel (Hg.): Das Unverfügbare. Wunder, Wissen, Bildung. Berlin: diaphanes, S. 173-187.

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