call for papers | Schnittstellen | 15. Kunstpädagogisches Kolloquium

Welche Schnittstellen existieren zwischen Kunst, Pädagogik und Wissenschaft? Wie und in welchen Formen werden sie deutlich? Worauf verweisen sie? Wie lassen sich diesbezüglich Aspekte von Inter- und Transdisziplinarität beschreiben? Inwieweit können Schnittstellen zwischen wissenschaftlichen Denkweisen produktiv für die kunstpädagogische Forschung sein und inwiefern zeigen sich Schnittstellen in und zwischen künstlerischen Praktiken? Worin überschneiden sich Lehre und Lernen? Welche Relevanz bergen Schnittstellen von Theorie und Praxis?

Gilles Deleuze und Félix Guattari schaffen mit der poststrukturalistischen Denkfigur des Rhizoms ein neues Paradigma für nicht vertikale und dezentrierte Wachstumsereignisse von Systemen: Im „Unterschied zu den Bäumen und ihren Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen; jede seiner Linien verweist nicht zwangsläufig auf gleichartige Linien, sondern bringt sehr verschiedene Zeichensysteme ins Spiel und sogar nicht signifikante Zustände (états de non-signes). Das Rhizom läßt sich weder auf das Eine noch auf das Viele zurückführen. Es ist nicht das Eine, das Zwei wird, auch nicht das Eine, das direkt Drei, Vier, Fünf etc. wird. Es ist weder das Viele, das vom Einen abgeleitet wird, noch jenes Viele, zu dem das Eine hinzugefügt wird (n+1). Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen. […] [Es ist weder ein] zentriertes, […] [noch ein] hierarchisches […] [oder] signifikantes System ohne General […] [.] [Es ist kein] organisierendes Gedächtnis und [auch kein] Zentralautomat; es ist einzig und allein durch die Zirkulation der Zustände definiert“ (Deleuze/Guattari, 1977, S. 34f).
Bewegen wir uns in dieser Denkfigur, gewinnt die Bedeutungsebene der Schnittstelle an zentraler Relevanz. Im systemischen Kontext von Kunst, Bildung und Wissenschaft, in der Interdisziplinarität von verschiedenen semiotischen Zeichensystemen sollen im diesjährigen Kolloquium Schnittstellen im kunstpädagogischen Kontext sichtbar gemacht werden.
Das kunstpädagogische Forschungskolloquium Loccum begreift sich in diesem Zusammenhang als physische Schnittstelle, innerhalb derer über gemeinsame Herausforderungen und Themen diskutiert werden soll; unabhängig von „institutionellen Grenzen, regionalen Besonderheiten […] und unterschiedlichen ‚Schulen‘“ (Meyer/Sabisch, 2012, S. 11).

Schnittstellen treten in gegenwärtigen Kunst- und Kulturformen vielfältig auf: So treffen beispielsweise in der künstlerischen Forschung Kunst und Wissenschaft aufeinander, auf Theaterbühnen werden filmische Elemente integriert und Klangkünstler*innen verbinden Installation, Ton und Performance. Festzustellende Grenzen zwischen den einzelnen Künsten lösen sich zunehmend auf und lassen neue intermediale Kunstformen entstehen. Der Begriff der Intermedialität spielt insofern eine wichtige Rolle, da mit ihm Schnittstellen wie „Abhängigkeits-, Mischungs- oder Transformationsbeziehungen zwischen Produkten oder Verfahren unterschiedlicher Medien“ beschrieben werden können (Sanio 2010, S. 194).

Auch im Kontext künstlerisch-praktischer sowie wissenschaftlich-theoretischer Annäherung an Fragestellungen und Phänomene in kunstpädagogischen und vermittlungsorientierten Settings ergeben sich Schnittstellen für die Methodik in der eigenen Forschungsarbeit. In Anlehnung an das Leitmotiv „Neues Wissen durch anderes Tun“ (Tröndle/Warmers, 2012) soll dazu angeregt werden, wissenschaftliche und künstlerische Forschungsmethoden zu definieren, diese vergleichend zu betrachten, um sie schließlich produktiv für sich zu nutzen. Ausgehend von der Basis, sich innerhalb von Kunst und Wissenschaft mit den gleichen Themen zu beschäftigen (ebd.) und daran anknüpfend entsprechende Bezugsfelder zu definieren, regen Schnittstellen innerhalb des Methodendiskurses zum Querdenken an und eröffnen neue Perspektiven.


Formelles
Das kunstpädagogische Forschungskolloquium Loccum 2018 möchte dazu einladen, aktiv über verschiedene Formen von Schnittstellen zu diskutieren, diese zu reflektieren sowie neuen Schnittstellen nachzuspüren und jene offenzulegen. Alle Teilnehmer*innen haben ein etwa 40-minütiges Zeitfenster, in dem sie ihre Forschungsvorhaben in einer Arbeitsgruppe vorstellen und diskutieren können. Eine explizite thematische Bezugnahme auf den Call hinsichtlich der eigenen Forschungsarbeit ist wünschenswert, kann aber auch implizit im Rahmen anderer Forschungsvorhaben diskutiert werden und ist somit keine Voraussetzung zur Teilnahme. Als diskussionsbasiertes Kolloquium sind verschiedene Präsentations- und Arbeitsformate willkommen (beispielsweise Workshops, Vorträge, künstlerisch-performative Beiträge). Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass Loccum auch ein Ort für Fragmentarisches, Unreifes und Nicht-Ausformuliertes ist. In der Atmosphäre eines Arbeitstreffens soll das Forschungskolloquium insbesondere die Gelegenheit bieten, mit anderen Nachwuchswissenschaftler*innen auf Augenhöhe zu diskutieren. Das Kolloquium richtet sich vor allem an Nachwuchswissenschaftler*innen (Promovierende und Post-Docs) aus den Bereichen Kunstpädagogik, Kunsttherapie, Kunsttheorie, Kulturelle Bildung sowie allen benachbarten Fachrichtungen. Auch angehende Promovierende, die noch ganz am Anfang ihres Forschungsvorhabens stehen, sind herzlich willkommen.

Abstract: Wir freuen uns über Beiträge im Umfang von max. 3000 Zeichen inkl. Leerzeichen. Zusendung bis zum 3. Juni per E-Mail an loccum@gmx.net

Datum & Zeit: Das Kolloquium beginnt am Freitag, den 31. August um 14:30 Uhr und endet am Sonntag, den 2. September 2018 gegen 15 Uhr in der Ev. Akademie Loccum.

Kosten pro Person: Die Tagungsgebühr für Übernachtung und Verpflegung beträgt 169€, BDK-Mitglieder erhalten eine Vergünstigung. Es besteht die Möglichkeit vor Ort dem BDK e.V. beizutreten.

Weitere Informationen unter:
https://forschungskolloquiumloccum.wordpress.com/

Organisationsteam von Loccum 2018: Jonas Hogh, Marlene Nockmann, Ina Scheffler und Carolin Ehring


Literaturhinweise:
Hasitschka, Werner (Hg.): Performing Translation: Schnittstellen zwischen Kunst, Pädagogik und Wissen schaft. Wien: Löcker, 2014.
Tröndle, Martin. Warmers, Julia (Hg.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst. Bielefeld: transcript, 2012.
Sanio, Sabine: Intermedialität. S. 194-196. In: Motte-Haber, Helga de la/ Loesch, Heinz von/ Rötter, Günther / Utz, Christian (Hg.): Lexikon der Systematischen Musikwissenschaft. Laaber: Laaber, 2010.
Meyer, Torsten. Sabisch, Andrea (Hg.): Kunst Pädagogik Forschung. Aktuelle Zugänge und Perspektiven. Bielefeld: transcript, 2009.
Heyer, Stefan: Deleuzes und Guattaris Kunstkonzept. Ein Wegweiser durch Tausend Plateaus. Leipzig: Passagenverlag, 2001.
Eco, Umberto: Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen. Leipzig: Reclam, 1989.
Deleuze, Gilles. Guattari, Félix: Rhizom. Berlin: Merve, 1977.

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